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Ein Rädchen im Getriebe im Kampf gegen die Flutfolgen

Nachhaltigkeit

04. August 2021

Die Flutkatastrophe Mitte Juli verwüstete Städte und Gemeinden in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Bayern. Viele Helferinnen und Helfer sind oder waren im Einsatz vor Ort – darunter auch unser stellvertretender Geschäftsführer und langjähriger Malteser Dr. Franz-Josef Leven. In seinem sehr persönlichen Blogbeitrag berichtet er über seinen Einsatz.

Sonntag, 18. Juli: Besuch bei den Schwiegereltern. Das Gespräch kommt unweigerlich auch auf die Flut, die wenige Tage zuvor den Westen Deutschlands heimgesucht hat. Die Medien melden immer höhere Opferzahlen aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Dann klingelt mein Handy, und der Leiter Notfallvorsorge der Malteser im Bistum Fulda fragt, ob ich für einen Einsatz zur Verfügung stehe. Die Antwort meiner Chefin auf die weitergeleitete Anfrage kommt nach weniger als einer Minute per Mail und lautet knapp, aber klar „Ja!“.

Montag, 19. Juli: Um 20:00 Uhr beginnt in Mainz mein Nachtdienst im Stab der Arbeitsgemeinschaft Hilfsorganisationen im Katastrophenschutz Rheinland-Pfalz (HiK). Die HiK ist ein spezifisch rheinland-pfälzisches Konstrukt und stellt das Bindeglied zwischen den Behörden der Gefahrenabwehr und den Hilfsorganisationen Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Johanniter Unfallhilfe (JUH) und Malteser Hilfsdienst (MHD) dar. Ihre Aufgabe ist es, die Katastrophenschutzeinheiten der Hilfsorganisationen zu alarmieren und der Einsatzleitung vor Ort zuzuführen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag war diese Einsatzleitung wegen des ungeheuren Umfangs der Schäden und der Vielzahl der eingesetzten Kräfte vom Landrat des Kreises Ahrweiler auf die Allgemeine Dienstleistungsdirektion (ADD) des Landes Rheinland-Pfalz übergegangen. Die ADD zieht mit ihrem Stab in die Akademie für Notfallvorsorge und Zivile Verteidigung, die auch in Bad Neuenahr-Ahrweiler liegt, zum Glück aber nicht von Flutschäden betroffen ist.

Die Organisation im Katastrophenschutz Rheinland Pfalz

Die Einsatzleitung fordert bei der HiK vor allem in den ersten Tagen Einheiten über Einheiten an: Schnelle Einsatzgruppen für Sanitätsdienst, Betreuungsdienst, Versorgung, aber auch Rettungswagen, Krankenwagen, Einsatzleit- und Kommandowagen, Gerätewagen für die einzelnen Fachdienste und vieles mehr – alles wird dringend benötigt. Die HiK alarmiert entsprechend die Einsatzkräfte, die aus ganz Rheinland-Pfalz zusammengezogen werden. Erste Anlaufstelle der Einheiten ist der Bereitstellungsraum, den die ADD auf dem Gelände des Nürburgrings eingerichtet hat. Von dort aus entsendet die Einsatzleitung dann die Einheiten in die verschiedenen Einsatzabschnitte.

Die meiste Arbeit im Stab der HiK hat der Leiter „S1“, der für Personalfragen zuständig ist und pausenlos am Telefon hängt, um mit Einheitsführern, den Kreis-Brand- und Katastrophenschutzinspekteuren und anderen wichtigen Menschen zu sprechen. Ich möchte nicht wissen, wie es erst in der Tagesschicht ist. Meine Arbeit ist vergleichsweise ruhiger. Als „S2“ sammle ich alle verfügbaren Informationen und bereite sie für die anderen Stabsmitglieder der HiK auf. Außerdem liegt das Einsatztagebuch in meiner Verantwortung, in dem alle wichtigen Ereignisse und Entscheidungen in der HiK festgehalten werden.

Rund 20.000 ehrenamtliche Helfer sind im Einsatz

Neben unseren Einheiten aus den Hilfsorganisationen treffen über die Innenministerien angeforderte Hilfskontingente aus 14 Bundesländern am Nürburgring ein. Außerdem sammeln sich dort unzählige Feuerwehreinheiten, Kräfte des Technischen Hilfswerks, der Bundeswehr und viele mehr. In der Spitze unterstehen über 5.000 Einsatzkräfte gleichzeitig der ADD, deren sinnvolle Koordination, aber auch deren Versorgung eine Mammutaufgabe ist. Da alle Einsatzkräfte nach einigen Tagen abgelöst werden müssen, dürften im Laufe der Zeit insgesamt rund 20.000 Helfer – die Mehrzahl ehrenamtlich – an der Schadensbekämpfung mitgewirkt haben.

Nur Hand in Hand lässt sich der Einsatz bewältigen: Bevor die Sanitäter, Betreuungskräfte und Helfer der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) überhaupt zu den betroffenen Menschen gelangen und ihnen helfen können, müssen Straßen geräumt, Pontonbrücken gebaut, Häuser gesichert und andere Gefahren beseitigt werden. Das Ausmaß der Zerstörung ist unvorstellbar. Allein im Ahrtal sind noch zehn Tage nach der Flut nur neun Brücken zum Teil eingeschränkt (etwa nur für Fußgänger) nutzbar, Dutzende hingegen sind schwer beschädigt oder zerstört. Entsprechend schwer ist es, die Hilfe zu den Menschen zu bringen. Manche Orte erreicht man wochenlang nur per Hubschrauber oder mit geländegängigen Fahrzeugen. Kanalisation und Kläranlagen sind zerstört, die Abwässer gelangen ungeklärt in die Ahr. Trinkwasser wird vorübergehend Mangelware …

Rückblick

Inzwischen ist mein Dienst im Stab der HiK beendet. Die Arbeiten im Schadensgebiet wechseln vom Krisen- in den Stabilisierungs- und später in den Wiederaufbaumodus. Die Schäden an der Infrastruktur werden noch in Jahren nicht vollständig behoben sein, die viel schlimmeren Wunden an den Seelen unzähliger Betroffener vielleicht niemals ganz heilen. Was mir bleibt, ist die Erinnerung an anstrengende Nachtschichten, die Begegnung und Zusammenarbeit mit tollen, hochmotivierten Menschen aus allen Hilfsorganisationen, das Gefühl, als kleines Rad in der großen Hilfsmaschinerie etwas zum Gelingen der Hilfe beigetragen zu haben und nicht zuletzt Dankbarkeit gegenüber dem Arbeitgeber, der dies ohne Zögern ermöglicht hat.